Mehr Influenza-Tote und Lungenerkrankungen als COVID-19?

AKTUALISIERT: 15. Juni 2020 * LESEZEIT ~ 10 Min.

Seit 3 Monaten hat uns das Coronavirus fest im Griff. Zwar gibt es immer wieder Lockerungen, aber diese können und werden auch wieder rückgängig gemacht, sobald es neue Infizierte gibt. Seit Monaten wird deshalb auch der Vergleich zu Influenza gezogen. Jetzt Mitte Juni – möchte ich auch noch einmal diesen Vergleich wagen, da die Influenza-Saison im Sommer für gewöhnlich abgeschlossen ist und es bezüglich COVID-19 neue Erkenntnisse gibt.

Covid-19 / Influenza – Statistiken

In dieser Zeit machen sich viele Menschen Gedanken. Und auch ich möchte Fragen stellen und Erkenntnisse teilen. Dies aus beruflichen Interesse, aber auch aus Neugier. Wer meine bisherigen Beiträge kennt weiß, dass ich kein Corona-Leugner bin, aber eben hinterfrage. Im folgenden offizielle Erkenntnisse, keine Verschwörungstheorien. Mit diesem Begriff werden Menschen in Ecken sortiert. Sicher mag da auch viel Unsinn dabei sein. Dies allerdings auch bei den offiziellen Medien. Keiner ist fehlerlos. Nur geben dies die wenigsten zu. Im Gegenteil…

Anfang des Jahres brach das Coronavirus auch in Europa aus, nachdem es in China seinen Anfang nahm. Seitdem scheint es kein Ende zu geben. Aktuell ist Amerika betroffen und tauschende Menschen kommen ums Leben. Auf die Frage, ob COVID-19 wirklich schlimmer als das Influenzavirus ist, bin ich schon eingegangen. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse und erste Zahlen.

Influenza vs. COVID-19

COVID-19, die durch das Coronavirus Sars-Cov-2 ausgelöste Krankheit, hat verschiedene Symptome die der Grippe ähneln:

Beide Krankheiten zeigen

  • häufig Fieber
  • trockenen Husten
  • gelegentlich Halsschmerzen
  • selten Niesen

Bei der Grippe

  • kommt es häufig zu Müdigkeit, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und Schnupfen.

Bei COVID-19

  • kann es zu kurzzeitigen Verlust des Geruchssinns oder in seltenen Fällen des Gehörs kommen.

Soweit die Erkenntnisse bis vor wenigen Wochen. Inzwischen weiß man durch Obduktion, dass COVID-19 durchaus mehr anrichten kann. Kommt das Virus in den unteren Atemwegen, kann es die Lungenbläschen, die sogenannten Alveolen befallen. Diese sind für den Gasaustausch zuständig, tauschen also verbrauchte, CO2-haltige Luft mit frischen Sauerstoff aus. Eine gesunde Lunge hat 300.000.000 Alveolen.

Gelangen die Coronaviren (SARV-Cov-2) in den unteren Atemwegen, schädigen sie dort die Zellen und es entstehen Entzündungen. Dies führt dazu, dass das Immunsystem totes Gewebe in Richtung Alveolen führt und ablagert. Es kommt zur einer Lungenembolie, also ein Verschluss eines Blutgefäßes in der Lunge. In Folge dessen kommt es zu einem erschwerten Gasaustausch und der Patient bekommt Atemnot.

COPD ganz ähnlich

Im Grunde ist dieser Vorgang ganz ähnlich wie nach Jahrzehnte langem Rauchen. Nur ist es da natürlich kein Virus, sondern der Teer, der beim Verbrennen des Tabaks entsteht und sich um die Lungenbläschen legt. Die Folge ist die Krankheit COPD, also eine Kombination aus der chronisch obstruktiven Bronchitis und dem Lungenemphysem. Die Symptome sind also sehr ähnlich, sofern COVID-19 die Lungenbläschen angegriffen hat: Husten, (Auswurf), Atemnot mit einer Enge im Brustraum. COPD tritt in 90% bei Rauchern auf, ist also meist vermeidbar und kann präventiv angegangen werden. Bei einem Lungenemphysem überdehnen die Lungenbläschen und können platzen.  Beschädigte Lungenbläschen sind nicht reversibel.

Kaum zu Glauben das man noch vor wenigen Wochen Rauchen als Chance gegen COVID-19 ansah. Vorteile versprach man sich vom Nikotin und wollte an Pflege-Personal Studien durchführen.

COVID-19 und Organschäden

Coronavirus-MaskeNeben der Lunge kann der Coronavirus COVID-19 scheinbar den ganzen Körper angreifen, so aktuelle Untersuchungen¹. Kommt der Virus einmal über die Lunge in den Blutkreislauf (über den erwähnten Gasaustausch), kann er sich im ganzen Körper verteilen. So kann er sich an den Innenwänden der Gefäße andocken. An Blutgefäße, aber auch den Innenwänden der Organe (Niere, Darm, Herz, Gehirn, …). An den Zelloberflächen ist das Enzym ACE-2 verankert, dass den Blutdruck reguliert. Leider ist COVID-19 in der Lage, über dieses Enzym anzudocken. ACE-2 dienst somit als ungewollter Rezeptor und ermöglichst COVID-19 den Eintritt in die Zelle. Es kommt in der Folge zu Zellschädigungen und Gerinnsels (Thrombose). Diese können zu Verstopfungen im Kreislauf oder den Organen führen. ACE-2 gelangt dann ebenfalls in die Zelle und bringt den Blutdruck durcheinander. Es kann in Folge zu einer Mangeldurchblutung kommen, zu Infarkten, geschwollene Finger und Zehen. Vor allem die Nieren können sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber auch der Darm, wo es zu Durchfall und anderen Verdauungsstörungen können kann. Betrifft es die kleinen Blutgefäße im Gehirn, kann es zu den bekannten Geschmacks- und Geruchsstörungen kommen.²

Zitat, DAZ.online, 12.05.2020 – Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Lothar Wieler, sagte kürzlich in einem Interview, man wisse seit wenigen Wochen, dass das Virus bei vielen Menschen Embolien und Thrombosen auslöse. Es gebe wahrscheinlich Todesfälle von Infizierten, die als Schlaganfälle oder Lungenembolie erkannt würden, aber nicht mit SARS-CoV-2 in Zusammenhang gebracht würden. Deshalb seien Obduktionen wichtig. Zunehmend zeige sich, dass das Virus nicht nur Atemwege und Lunge betrifft. Wieler sagte, es sei „erstaunlich und auch ein bisschen erschreckend“, wie viele Organe das Virus in schweren Fällen zu befallen scheine.³

Es ist für mich nach wie vor unfassbar, dass Wochenlang keine Obduktionen empfohlen wurden. Eher das Gegenteil war der Fall. Nun wird es (endlich) empfohlen…

COVID-19 und die Blutgruppe

Ganz aktuell (12.06.2020) ist die Erkenntnis, dass die Blutgruppe scheinbar eine nicht unscheinbare Rolle spielt¹³. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität, Kiel, haben in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus Norwegen in der weltweit ersten großangelegten genomweiten Studie neue Erkenntnisse gefunden. Die Studie wird in „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht werden.

Untersuchung an 1.980 Patienten aus Norditalien und Spanien hatte gezeigt, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 tragen. Menschen mit Typ-0-Blutgruppe hingegen waren um knapp 50 Prozent besser vor einer ernsten COVID-19-Erkrankung geschützt. Für die Kontrollgruppe wurden aus der Bevölkerung dieser Länder 2.205 zufällig ausgewählte Frauen und Männer gewonnen.

Statistiken – Stand bis 15. Juni 2020

Man kann also festhalten, dass COVID-19 durchaus gefährlich werden kann, vor allem für die besagten Risikogruppen. Hat man gewissen Vorerkrankungen, vor allem Herz-Kreislauf, Diabetes Mellitus Typ 2, Lungenerkrankungen sowie viele weitere, kann die Krankheit durchaus böse verlaufen. Dennoch muss man die inzwischen sicheren Zahlen betrachten im Vergleich zu anderen Krankheiten und den Einwohnern.

Stand 15.06.2020, COVID-19

  • Deutschland ✝ 8.801
  • Österreich ✝ 102 (673 laut ORF)
  • Schweden ✝ 4.874
  • Belgien ✝ 9.655
  • Italien ✝ 34.345
  • Brasilien ✝ 34.332
  • USA ✝ 115.732

Quelle: Johns Hopkins University (JHU)

Stand 01.05./ 10.06., Influenza

  • Deutschland⁴ ✝ 493 (bis 01.05.2020; 186.185 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle)
  • Österreich⁵ ✝ 834 (10.06.2020)

Stand 14.06.2020, Verstorbene je 100.000 Einwohner

Reine, absolute Zahlen zeigen oft nur ein halbes Bild und können falsch interpretiert werden. Auch heute wird oft noch der Fehler gemacht, dass man Länder vergleicht, ohne einen echten Vergleich ziehen zu können. Sinnvoller sind relative Zahlen. Deshalb sollte immer ein Vergleich zu 100.000 Einwohner, bzw. zu einer Million getroffen werden, um realistische Zahlen zu erhalten und Verhältnismäßigkeiten besser einordnen zu können.

  • Deutschland⁶ ✝ 8,9 / 100.000 (⁶ RKI, 203 gemeldete Infizierte / 100.000)
  • Deutschland⁷ ✝ 10,61 / 100.000 (⁷Johns Hopkins University)
  • Österreich⁷ ✝ 7,65 / 100.000
  • Schweden⁷ ✝ 47,19 / 100.000

Stand 15.06.2020, Verstorbene je Millionen Einwohner im Vergleich

  • Belgien ✝ 830
  • UK ✝ 608
  • Spanien ✝ 580
  • Italien ✝ 565
  • Schweden ✝ 477
  • Frankreich ✝ 450
  • Niederlande ✝ 353
  • USA ✝ 351
  • Schweiz ✝ 224
  • Peru ✝ 179,5
  • Brasilien ✝ 163,87
  • Deutschland ✝ 106
  • Österreich ✝ 75,6

(Quelle, Österreich, Peru, Brasilien errechnet) Hinweis: Unterschiedliche Zahlen entstehen durch verschiedene Quellen.

Vergleich zu Influenza 2019/20 je Millionen Einwohner

  • Deutschland ✝ 5,9
  • Österreich ✝ 93,7

Vergleich zu anderen Krankheiten

Ein Vergleich zu anderen Krankheiten ist immer schwer, wenn es nicht annähernd ähnliche Symptome sind. Im Folgenden dennoch ein kleiner Vergleich, dessen Relevanz ich im Nachgang erkläre.

COPD in Deutschland¹⁰

  • 2010 – 6,8 Millionen Erkrankungen | 81.927 Betroffene / Mill.

Lungenkrebs in Deutschland⁸

  • 2015 – 58330 Neuerkrankungen | ✝ 45.259 | 545 Verstorbene / Mill.
  • 2016 – 57460 Neuerkrankungen | ✝ 45.805 | 551 Verstorbene / Mill.

Alkoholisch bedingte Sterbefälle in Deutschland¹¹

  • pro Jahr ca. ✝ 74.000 | 891 Verstorbene / Mill. (an Alkohol oder der Kombination mit Tabak)

Diabetes Mellitus Typ2 in Deutschland⁹

  • 6,9 Millionen Betroffene | 83.132 Betroffene / Mill.

Diese  Liste kann man mit den verschiedensten Herz-Kreislauferkrankungen und weiteren Krankheitsbildern erweitern. Mit COPD ist ein Verlauf erreicht, der zu 90% im Rauchen seinen Ursprung hat, schon recht weit fortgeschritten. Zu einem hohen Prozentsatz endet es mit Lungenkrebs, wobei natürlich nicht jeder Lungenkrebspatient Raucher ist oder war. Kaum Zahlen gibt es zu alkoholisch bedingte Sterbefälle. Weltweit geht die WHO von 3 Millionen Sterbefälle aus, die auf Alkohol zurückzuführen sind¹².

Wo liegt nun die Relevanz zu COVID-19? Dem Staat liegt in Zeiten von Corona unsere gesundheitliche Situation sehr am Herzen. Lockdown, Abstand halten, Masken beim Einkaufen und im öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Die meisten Einschränkungen sind teilweise aufgehoben, die Maske wird wohl noch längere Zeit bleiben, trotz Tiefstand neuer Infektionen. In der Saison 2019/20 gab es aus heutiger Sicht mit knapp 500 Verstorbene kaum Influenza-Todesfälle. Dies sah in den vergangenen Jahren deutlich anders aus. 2017/18 gab es 25.100 Todesfälle (302 / Million), 2016/17 22.900 Todesfälle (275 / Million) und 2014/15 21.300 (256 / Million). Da fällt die aktuelle Saison direkt auf. Noch einmal zum Vergleich: COVID-19 – 106 Verstorbene / eine Million.

Eine logische Konsequenz wäre, Zigaretten zu verbieten, um Lungen- und Herzkrankheiten zu vermeiden. Alkohol könnte deutlich reduziert werden, auch hier stehen unzählige Erkrankungen in direkter Verbindung. Unsere Ernährung ist zu süß, zu viel Salz, zu viele Zusatzstoffe, Aromen und Farbstoffe sowie zu wenige Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe – Pestizide und Art-ungerechte Tierhaltung nicht mitgerechnet. Mit einer gesunden Ernährung und Lebensstil, kann man die Gesundheit und Lebensqualität weitgehend erhalten. Inzwischen gibt es unzählige Studien, aber auch Erfahrungsberichte, wie positiv sich eine gesunde Lebensweise auswirkt.

Prävention

Der Staat wird hier nicht eingreifen, hängen doch Millionen Einnahmen davon ab. Dies schießt auch Kampagnen ein, die Menschen überzeugen sollen. Zwar gibt es diese, aber doch eher mäßig im Vergleich der Kampagnen zur Lebensmittelindustrie. Aber jeder kann für sich selbst entscheiden, sich gesünder zu ernähren und den Lebensstil zu verbessern – ohne dass es Langweilig wird! Der Großteil der Infizierten war vorbelastet. Ohne Vorbelastung kann man Viren und andere Angriffe deutlich besser überstehen.

 

Quellen / Fußnoten öffnen…

¹ https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2007621
² https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/covid-19-krankheitsverlauf-coronavirus-1.4897982
³ https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2020/05/12/covid-19-und-die-blutgerinnung
https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-18.pdf
https://orf.at/stories/3169123/
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/2020-05-09-de.pdf?__blob=publicationFile
https://orf.at/corona/stories/3157533/
https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2019/kid_2019_c33_c34_lunge.pdf?__blob=publicationFile
https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen
¹⁰ https://www.lungeninformationsdienst.de/krankheiten/copd/verbreitung/index.html
¹¹ https://dhs.de/datenfakten/alkohol.html
¹² https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/98062/Drei-Millionen-Todesfaelle-jaehrlich-durch-Alkohol
¹³ https://healthcare-in-europe.com/de/news/schwerer-verlauf-von-covid-19-welche-rolle-spielt-die-blutgruppe.html



HINWEIS

Beiträge werden ↻ aktualisiert, wenn es neue Erkenntnisse durch Studien oder Forschungen gibt.

Torsten Seidel Hier schreibt: Torsten Seidel
Fachkompetenz für holistische Gesundheit / ganzheitlicher Gesundheitsberater
Mehr Informationen in "Über mich". Beiträge abonnieren mit RSS-Feed.


Werbung
MyFairTrade.com
Bisher wurde der Artikel 98 mal gelesen. Vielen Dank.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 verfügbare Zeichen